Gesundheitsversorgung Mariazellerland – Bürgerversammlung Podiumsdiskussion Infos


Eindrücke und Informationen von der Bürgerversammlung bezüglich Gesundheitsversorgung in Gußwerk am 25. April 2019.

Gesundheitsversorgung ist ein heißes Thema dieser Tage, nicht nur im Ennstal. So auch im Mariazellerland, nach der Ankündigung die zweimal wöchentlich stattfindenden Sprechstunden, in der ehemaligen Ordination Dr. Zach in Gußwerk, mit 1. Mai 2019 an diesem Standort zu beenden.
Betreut vom Leiter des Gesundheitszentrums Mariazell, Dr. Patrick Killmaier und seinem Team wird nach 2 Jahren dieses Service für die Gußwerker Bevölkerung, wegen zu geringer Patientenfrequenz und eingeschränkten medizinischen Möglichkeiten, eingestellt um die freiwerdenden Kapazitäten im 7 km entfernten Gesundheitszentrum Mariazell besser zu nutzen. Aber nun der Reihe nach…

Das Interesse am weiteren Vorgehen des Gesundheitsfonds Steiermark, vertreten durch Dr. Bernd Leinich, war groß und so fanden sich etwa 250 Bewohner des Mariazellerlandes, mit Gußwerker Mehrheit, im Volksheim Gußwerk ein um den Plänen zu lauschen und mit zu diskutieren.
Als Moderator und um die Diskussion in geordnete Bahnen zu lenken war Ernst Dullnig, seines Zeichens Personalentwickler und Landesgeschäftsführer der Naturfreunde Niederösterreich, engagiert.
Nach der Begrüßung durch den Gesundheitssprecher der Stadtgemeinde Mariazell Johann Kleinhofer, erfolgte die Präsentation eines Versorgungskonzepts für das Mariazellerland durch Dr. Bernd Leinich (Gesundheitsfonds) und Dr. Patrick Killmaier (Gesundheitszentrum Mariazell).

Rückblickend wurde kurz auf die schwierige Situation vor 3 Jahren hingewiesen. Mit einem schlecht besuchten Spital und 2 Kassenärzten die in den Ruhestand gingen verbunden mit dem Hinweis, dass es keine Verbindung von Gemeindefusion und Gesundheitsversorgung gibt.

Dieses Gesundheitskonzept beruht auf den besonderen Gegebenheiten im Mariazellerland, wo knapp 4000 Personen auf einer Fläche von 414 km² leben, mit 1110 Nebenwohnsitzen und etwa 1 Million Tagesgästen bei 170000 Nächtigungen.

Warum die medizinische Versorgung ein besonderes Anliegen darstellt:

  • Geografische Lage mit 55km bis 75km Distanz zu den Spitälern
  • Dünne Besiedelung und weite Anfahrtswege
  • Hoher Anteil älterer Menschen mit komplexen sozialen und gesundheitlichen Problemlagen
  • Hoher Pflegebedarf
  • Schwierige Nachbesetzung von Kassenstellen
  • Wenig Erfahrung mit geeigneten Versorgungsmodellen

Was ist zu versorgen (die Prävalenzdaten):

pro Jahr gibt es in der Region Mariazellerland

  • 10 – 20 Herzinfarkte
  • 10 – 20 Schlaganfälle
  • 10 – 20 Schenkelhalsfrakturen

hinzukommen Erfahrungsgemäß

  • ca. 20-25 Neuerkrankungen an Krebs
  • ca. 800 Personen mit einer Hypertonie
  • ca. 80 Personen mit einer Blutverdünnung
  • ca. 80 Personen mit einer Herzinsuffizienz
  • ca. 800 Personen mit einer COPD
  • ca. 400 Personen mit einer Depression und
  • ca. 320 Personen mit einer Typ II Diabetes

Basis: Daten von Statistik Austria (Berechnungsgrundlage: 4000 EW + 4000 Tagesgäste)

Was ist ab 2020 geplant

Dr. Grießler und Dr. Killmaier gründen eine Gruppenpraxis und werden selbstständige Unternehmer mit SV-Kassenvertrag (alle Kassen). Plus Förderung durch den Gesundheitsfonds für Erstversorgung, (Unfall-) Chirugie und Radiologie. Die KAGes zieht sich zurück.

Angeboten wird Allgemeinmedizin, diplomierte Pflege, Physiotherapie, Psychotherapie, MTD Röntgen, MTF Labor sowie Fachärzte auf Konziliarbasis.

Und nun das Wichtigste. Wer ist wann für mich da.

  • Notarzt-Stützpunkt in Mariazell 00:00 bis 24:00 Uhr täglich
  • Öffnungszeiten im Gesundheitszentrum:

– Montag bis Freitag von 9:00 Uhr bis 17:00 Uhr, danach Hausbesuche (telefonische Erreichbarkeit)

– Visitendienst (gesteuert über die Nummer 1450) ab 18:00 Uhr

– Plus Öffnung Samstag, Sonntag, Feiertag

– Plus Visitendienst am Wochenende

  • Öffnungszeiten von Dr. Huemer und Dr. Uitz und den Wahlärzten laut Aushang
  • KEINE Schließtage im Gesundheitszentrum

Ein einzigartiges Novum in Österreich.

Weiters plant das GZ-Team ein Pilotprojekt für Hausbesuche für immobile Patienten. Mittels speziellem Technik- und Protokoll Einsatz soll erstmals in Österreich eine bessere Versorgung pilotiert werden (MedMobil).

Wie soll Gußwerk nach Schließung der Ordination versorgt werden.

  • Mobile Bürger fahren ins Gesundheitszentrum oder zum Kassenarzt
  • Immobile Bürger werden zu Hause aufgesucht
  • Mangels Bewerbung auf zwei Ausschreibungen ist keine Kassenstelle in Gußwerk möglich – nach der Diskussion – es wird eine 3. Ausschreibung geben und es soll noch einmal versucht werden einen Arzt zu finden der die Ordination von Dr. Zach übernimmt.
  • Ein Bus-Shuttle von Gußwerk, und nur von Gußwerk, denn es geht ja um die nicht mehr vorhandene Ordination, ins 7 km entfernte Gesundheitszentrum steht zur Diskussion.

Dies war die Präsentation und die Aussicht der Gesundheitsversorgung des Mariazellerlandes, wobei  der 24h Notarztdienst, ein an 7 Tagen die Woche geöffnetes Gesundheitszentrum und die Einführung von MedMobil (Hausbesuche) besonders hervorzuheben sind, da dies in vielen anderen Regionen nicht so ist.

Danach folgte eine Diskussion des Podiums (Dr. Bernd Leinich, Dr. Patrick Killmaier, Johann Kleinhofer, Helmut Ganser) mit der anwesenden Bevölkerung.

Gußwerks Altbürgermeister Helmut Ganser hätte gerne eine ordentliche Ausstattung der Ordination in Gußwerk und spricht die Distanzen an, die mit Hin- und Rückfahrt aus den Ecken des Mariazellerlandes zu bewältigen sind.

Die Stimmen aus dem Publikum kamen großteils aus der kritischen Ecke. Man wollte sich ungern etwas wegnehmen lassen was, wie soll ich sagen, „komfortabel“ war und ließ sich nicht von den Versprechungen überzeugen. Fredl Krejcza störte in seinen Ausführungen die vorweggenommenen Entscheidungen ohne Einbindung der Bevölkerung. Eine neuerliche Ausschreibung der Arztstelle wird gefordert und soll noch einmal in den Angriff genommen werden. Mit demokratischen Möglichkeiten des Protests wird gedroht. Laut Dr. Bernd Leinich hat sich trotz zwei Ausschreibungen kein Arzt dafür beworben und alles andere sind „Verschwörungstheorien“. Grundsätzlich wurde festgestellt, dass ein Bus-Shuttle denkbar ist, aber eben nur von Gußwerk zum Gesundheitszentrum bzw. retour, denn es geht ja um diese Ordinationsstelle. Die 7km längere Wegstrecke scheint schwer überwindbar zu sein. In weiterer Folge war es nicht mehr die Wegzeit, sondern die lange Wartezeit im Gesundheitszentrum selber, die angekreidet wurde. Aber nicht nur fordernde Stimmen kamen aus dem Publikum, sondern auch welche mit Verständnis für die sich veränderten Umstände unserer Zeit und der Meinung, dass eine Bus-Shuttlefahrt was kosten darf und nicht immer alles gratis sein kann. Dazu kam von Johann Kleinhofer der Vorschlag den Bürgeralpe-Shuttle Bus ev. dafür zu verwenden.

Richtig in Fahrt kam die Diskussion als sich Dr. Surböck zu Wort meldete. Dr. Surböck ist für das Gesundheitszentrum und lobte den engagierten Dr. Killmaier für seine Arbeit. Aufgebracht ist er ob der praktizierten Vorgangsweisen, in dem er das Ennstal und das Mariazellerland in einem Atemzug nannte. Wo BürgerInnen vor vollendete Tatsachen gestellt und Abstimmungen ignoriert werden, findet er, dass dies politisch einer Abschaffung der Demokratie gleichkommt. Weiters sagte Dr. Surböck, dass sich sehr wohl jemand um die Arztstelle beworben hätte. Er empfand es als Affront wie die Bevölkerung behandelt wird und der derzeitige Mariazeller Bürgermeister Manfred Seebacher an so einem Abend nicht teilnimmt.

Zur Verteidigung des Bürgermeisters sei gesagt, dass in den Ausführungen davor darauf hingewiesen wurde, es dem politischen Verhandlungsgeschick unter seiner Führung zu verdanken sei, dass wir so eine gute Vorzeige-Gesundheitslösung haben, die von hochrangigen Persönlichkeiten besucht und inspiziert wird.

Der von Dr. Surböck angesprochene Arzt hat sich laut Dr. Leinich nicht beworben, er kann sich aber gerne bei Ausschreibung Nr. 3 bewerben. Da stand Aussage gegen Aussage.

Altbürgermeister Helmut Ganser fand, dass man das Beste aus der jetzigen Situation machen müsse. Die Ordination wird schwer wieder zu bekommen sein und daher solle man den Bus-Shuttle gratis und in vernünftiger Form zur Verfügung stellen.

Ein weiteres Gesundheitszentrum in Gußwerk wird und kann es nicht geben, so Dr. Leinich.

Um die Wogen wieder etwas zu glätten plädierte Vizebürgermeister Michael Wallmann für ein Zusammenhalten und ein gemeinsames „Mariazellerland denken“. Ob jetzt 7 km weiter zu fahren ist, sollte nicht die grosse Rolle spielen.

Wie man sieht ist Gesundheitsversorgung ein vielschichtiges Thema und es ist für die Verantwortlichen nicht einfach die richtigen Lösungen zu finden.

In diesem Sinne…
Wer ein Übel erkennt, hat es schon fast geheilt.
– Prentice Mulford


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