Serie: Menschen aus dem Mariazellerland – Elfi Rohringer

Menschen, die im Mariazellerland leben und ihm ein „Gesicht“ geben.

Ein neues Interview mit einem prägenden Menschen aus dem Mariazellerland ist online. Viel Spaß beim Lesen. Solange es noch keine Veranstaltungen gibt, wird etwa alle 3-4 Wochen eine Persönlichkeit aus dem Mariazellerland hier im Blog vorgestellt.

Heute im Fokus – Elfriede „Elfi“ Rohringer – gelernte Einzelhandelskauffrau mit Tankstellenerfahrung, geboren in Mariazell in der Rohrbachergasse, Stimme des Mariazeller Advent, bekannt geworden durch ihre Martha Wölger-Lesungen, ausgestattet mit hoher sozialer Kompetenz durch zwei Jahrzehnte „Essen auf Rädern“-Auslieferung, begeisterte Kulturliebhaberin und Vereinsmeierin mit einer Vorliebe für die Gußwerker Liedertafel, in welcher sie einige Jahre im Vorstand war und seit 58 Jahren dabei ist.

Alle veröffentlichten MariazellerlandlerInnen kann man in Zukunft dann gesammelt im Archiv unter der Kategorie MariazellerlandlerInnen finden, oder man klickt unter dem Artikeltitel auf das Karteikarten-Icon „MariazellerlandlerInnen“.

Name: Elfriede Rohringer

Beruf: gelernte Einzelhandelskauffrau, damals bei Elektro Todt in Gußwerk

Zuerst ein paar allgemeine Fragen, die ich jeder interviewten Persönlichkeit des Mariazellerlandes stelle bzw. stellen werde.

Hattest du in jüngeren Jahren einen Lebenstraum?

Ja, den hatte ich. Da muss ich etwas ausholen. Meine Mutter hat sehr viel und sehr gern gelesen. In Gußwerk hat es von der Fa. Rohrbacher eine Werksbücherei gegeben, und die dort Angestellten sagten, meine Mutter wäre die Einzige gewesen, die dort alle Bücher gelesen hat.

Aufgrund dieser Vorliebe, war trotz Hausbau und sparen, immer Geld für die Bücher von uns Kindern da. Somit habe ich in frühester Jugend schon sehr viel gelesen. Da hat sich dann ein Lebenstraum herauskristallisiert, der zwar nie in Erfüllung gegangen ist, und dem ich auch nicht nachweine, nämlich die Welt sehen und wegkommen aus Gußwerk, da war es mir damals zu eng.

In Wirklichkeit war es aber so, dass man froh sein musste, einen Lehrplatz zu bekommen, und so bin ich zur Fa. Todt gekommen. Mein Traum hat auch nicht allzu lange gehalten, ich war dann sehr froh hier zu leben, und mit meinem Mann habe ich dann ja später sehr schöne Reisen gemacht.

Dies wäre halt so ein Jugendtraum gewesen, obwohl ich heute so froh bin, hier zu leben und zu wohnen. Das Lesen hat meiner Mutter und mir sozusagen die Welt eröffnet.

Was gefällt dir am Mariazellerland?

Das ist ganz einfach – mir gefällt wirklich alles. Ich bin in einer äußert privilegierten Position. Ich bin in Pension und bekomme jeden Monat mein Geld, und ich bin selig, hier zu wohnen in dieser schönen Umgebung. Darum ist die nächste Frage für mich ziemlich schwierig.

Was gefällt dir nicht am Mariazellerland?

Wie gesagt, ich kann dazu wirklich nichts sagen. Ich habe ein Haus, ich habe einen Garten, ich kann hinaus, es gibt wirklich nichts, was ich bemängeln möchte.

Was es zu bemängeln gäbe, hat nichts mit dem Mariazellerland zu tun. Z. B., dass es zu wenige Pflegekräfte im Pflegeheim gibt. Es wäre schön, wenn es anders wäre.

Was fehlt im Mariazellerland bzw. was sollte man verbessern?

Wir haben alles, wir können alles kaufen, wir haben eine funktionierende Wirtschaft, wir bräuchten nicht wo anders hinfahren. Ich wüsste nicht, was da fehlt.

Die derzeitig geschlossene Gastronomie geht mir ab, aber das liegt nicht an Mariazell, sondern an Corona.

Mein Mann Othmar und ich sind früher viel nach Wien gefahren, zu Konzerten, in die Oper, zu Theateraufführungen. Und dann wurde in Mariazell der Kulturverein ins Leben gerufen. Dann gab es so tolle Dinge, sie haben Leute hergebracht, die so nie nach Mariazell gekommen wären. Diese Kulturveranstaltungen gehen mir so sehr ab, das kann ich gar nicht beschreiben. Den Verantwortlichen gehts wahrscheinlich genauso. Die Konzerte und andere Veranstaltungen fehlen. Mariazell kann da nichts dafür, es liegt derzeit an Corona und ich hoffe, dass die Kultur danach wieder einen großen Stellenwert in Mariazell einnimmt.

Was sind aus deiner Sicht die schönsten Plätze im Mariazellerland?

Das Mariazellerland ist an und für sich schon ein schöner, gesegneter Platz. Man kann sich gut vorstellen, warum hat man hier eine Basilika gebaut hat, warum sich hier Menschen angesiedelt haben, einfach weil es ein Kraftort ist. Da bin ich mir ganz sicher.

Aber was mich sehr beeindruckt hat, als ich mit meinem Mann auf die Sauwand gegangen bin, sind der Blick nach Fallenstein, nach Mariazell, ins Salzatal und der Rundumblick ins Mariazellerland, alles liegt einem zu Füssen. Da war ich sowas von beeindruckt…

Was man im Mariazellerland unbedingt machen sollte.

Das Allererste ist der Besuch der Basilika. Das Mariazellerland zu besuchen, ohne in der Basilika gewesen zu sein, geht gar nicht. Dazu muss ich eine kleine Geschichte erzählen.

1989 nach der Ostöffnung, Mariazell wurde überrascht von dem Ansturm damals, bin ich einmal mit einer Wallfahrerschar in der Basilika zusammengetroffen. Irgendwie wurde ich da mitgeschoben, es waren so viele Menschen, und ich bin vorne am Gnadenaltar zu stehen gekommen, verkehrt – mein Blick war zu den Menschen gerichtet, da bekomme ich heute noch Gänsehaut. Das erste Mal in meinem Leben habe ich gesehen, wie die Frauen, die wahrscheinlich auch davon geträumt haben, einmal in ihrem Leben nach Mariazell zu kommen, so dagestanden sind, mit einem Leuchten in den Augen, die Tränen sind runtergeronnen, und ich habe da meine Meinung sehr revidieren müssen. Wie glücklich die Menschen waren, als sie zum ersten Mal nach Mariazell gekommen sind.

Und ich habe damals zu den Leuten, die über den Ansturm geschimpft haben, gesagt, wartet, es dauert nicht allzu lange, und sie kommen als Gäste. Und so war es dann auch… Viele Slowaken, Tschechen und Ungarn verbringen heute ihren Urlaub im Mariazellerland.

Was liegt dir besonders am Herzen?

Ja, der Zusammenhalt. Wenn ich in den sozialen Medien lese, wie es irgendwoanders ist, denke ich mir, ist es bei uns noch gut. Im ersten Lockdown habe ich soviel Anfragen bekommen, ob man mir helfen soll. Da habe ich soviel Solidarität erfahren, dass ich mir denke, bei uns ist das Gott sei Dank anders als in der Stadt.

Nachfolgende Fragen werden an die jeweilige Person angepasst und sind fast immer anders.

Was hat dich dazu bewogen, beim Sozialdienst „Essen auf Rädern“ mitzuarbeiten?

Auslöser waren die Österreichischen Bundesforste. Ich habe ja drei Forstbetriebe ruiniert 😉 kann man so sagen. Ich habe begonnen am Bauhof in Gußwerk, der wurde aufgelöst. Dann bin ich zur Forstverwaltung nach Mariazell gekommen, diese wurde ebenfalls aufgelöst, und zum Schluss war ich auf der Säge, die ja verkauft wurde. Und damit wurden wir von der ÖBF relativ früh in „Pension“ geschickt, damals war ich 54 Jahre, und ich wollte unbedingt noch etwas tun. Eine Bekannte hat mir empfohlen bei „Essen auf Rädern“ mitzuhelfen und meinte, dies wäre was für mich. Und so war es dann auch.

Du warst 19 Jahre im Dienste von „Essen auf Rädern“. Kannst du dich an ein ganz besonderes Erlebnis erinnern?

Von den Menschen kam ja sehr viel zurück. Sie waren sehr dankbar. Was die Leute nicht immer verstanden haben, man muss ja bedenken, das waren alte Menschen, alleinstehend, die haben nichts Anderes zu tun gehabt, als auf das Essen zu warten. Alles schon aufgedeckt und bereit…

Da gab es immer wieder die Zeitvergleiche: gestern waren Sie früher da und heute später. Ich wurde nicht müde zu erklären, dass wir nicht immer gleich viele Essen ausliefern, und es in der Zeit Abweichungen geben kann. Geschimpft oder böse war aber nie jemand. Ein Mann aus Gollrad, der hat nie etwas gesagt, wenn es zeitliche Abweichungen gab, aber er hat mit seinem Finger auf die Uhr gezeigt. Dann habe ich wieder erklärt, was alles dazwischen gekommen ist, dann hat er lachen müssen, und alles hat wieder gepasst. Es hat viele schöne Erlebnisse gegeben, und das fehlt mir auch.

Du bist als „Stimme des Mariazeller Advents“ bekannt. Wann hat dein Einsatz als „Gedicht-Leserin“ begonnen?

Begonnen hat es zu Beginn des Mariazeller Advents mit den Radio-NÖ-Übertragungen. Damals noch aus dem Europeum. Dann waren auch noch viele andere Veranstaltungen. Wunderschön waren immer die Lesungen im Heimathaus, untermalt mit Musik. Da habe ich nicht nur Texte von Martha Wölger, sondern auch andere Weihnachtsgeschichten gelesen. Immer ein sehr schöner Rahmen im kleinen Kreise, da hatte ich schon meine Fans.

Hast du die Mundartdichterin Martha Wölger persönlich gekannt?

Ja, Gott sei Dank konnte ich sie kennenlernen. Es gab einmal ein Jubiläum mit einem kleinen Kampf zwischen Halltal und Gußwerk, denn, wo kommt sie hin? Sie ging ja in Gußwerk in die Schule und der Freingraben, wo Martha Wölger aufgewachsen ist, zählte ja zur Gemeinde Halltal, oder? Martha Wölger ist dann ins Volksheim Gußwerk gekommen. Ich war damals Obfrau der Gußwerker Liedertafel, ich habe einen ganz lieben Brief von ihr. Sie war eine sehr bescheidene, zurückhaltende Frau. Es war nur so, dass Martha Wölger keine optimale Stimme für Lesungen bzw. Ton-Übertragungen hatte. Aus meiner Sicht war die Einzige, die Martha Wölger echt und richtig lesen konnte, die Schrotthofer Gisi. Mein Dialekt ist ja schon sehr niederösterreichisch gefärbt. Die Schrotthofer Gisi stammte vom Stromminger in Fallenstein, dies war nicht weit entfernt vom Freingraben. Gisi und Martha waren sehr gute Freundinnen. Nach dieser Veranstaltung in Gußwerk habe ich sie auch später noch mehrmals getroffen, und nach ihrem Tod hatte ich noch Korrespondenz mit ihrem Sohn, damit ich in den Besitz all ihrer Bücher komme. Ich glaube, ich habe alle ihre Werke, denn zu kaufen gibt es diese nirgends mehr.

Beim Eiblbauer/Pierer in Mooshuben gibt es noch immer eine Martha Wölger-Gedenkmesse. Da habe ich auch einige Male gelesen. Auch die Hanni Teubenbacher aus Gußwerk liest Martha Wölger und macht dies ausgesprochen gut. Aber wie gesagt, es ist ein eigener „Freingraben“- Dialekt. Früher war es ja so in Gußwerk, dass man in der Hauptschule noch gekannt hat, ob derjenige aus Salzahammer war, oder aus dem Obertal. Heute ist der Dialekt ähnlicher.

58 Jahre bei der Liedertafel und 5 Jahre davon Obfrau. Eine sehr lange Zeit – welche Erinnerungen hast du?

In meine Zeit als Obfrau fiel die 100 Jahr-Feier der Liedertafel Gußwerk. Diese Feier haben wir wirklich groß aufgezogen, und es war ein sehr, sehr schönes Fest, aber auch eine organisatorische Herausforderung. Damals habe ich dann auch begonnen, sowohl im Advent als auch bei unserem Frühlingssingen, die Moderation zu machen. Ich war gut vorbereitet. Mir persönlich ging es aber nicht so leicht von der Hand. Auch wenn viele meinten, ich mache das so locker, abgesehen davon, dass ich vorher ein Achterl Wein getrunken habe. Mein großes Plus bei der Liedertafel Gußwerk war mein Heimvorteil. Ich habe 50 Jahre in Gußwerk gelebt, und ich besuche noch immer die Hl. Messe in der Gußwerker Kirche.

Bezugnehmend auf deinen Lebenstraum zu Beginn des Interviews: Wohin würdest du noch reisen, wenn Gesundheit, Geld und Reisefreiheit uneingeschränkt wären?

Ja, da gäbe es sogar etwas Realistisches. Ich war mit meinem Mann Othmar damals mit dem Auto in Cornwall, und es war so schön. Da hätte ich heuer vielleicht sogar noch einmal die Chance, mit meiner Schwägerin hinzufahren, wenn es erlaubt wird. Da habe ich so schöne Erinnerungen. Es war Abenteuer pur, ungewohnter Linksverkehr, und somit wurde jeder Kreisverkehr öfters erkundet statt nur einmal. Wir hatten Quartiere am Meer, sind viel gegangen und haben die tolle Landschaft erkundet. Diese schönen Erinnerungen würde ich gerne wieder auffrischen, aber weit fliegen möchte ich nicht mehr.

Wie wird die Welt aus deiner Sicht nach Corona sein?

Ich hoffe, es wird nicht mehr gleich sein wie vorher. Ich hoffe, dass die Leute mehr aufeinander aufpassen, mit unseren Ressourcen, unserer Natur besser umgehen. Das ist unser ganz großes Kapital, das haben wir. Ja, ganz gleich wie früher soll es gar nicht werden, meiner Meinung nach.

Ein kleines Tonfile des Interviews, damit man auch die Stimme von Elfi Rohringer hören kann.


Ein Kommentar bei “Serie: Menschen aus dem Mariazellerland – Elfi Rohringer

  • 21. April 2021 um 15:35
    Permalink

    Ich bin öfters mit Elfriede zusammen gesessen und wir haben über Gott und die Welt geredet. Elfriede war für mich immer eine Person der man mit einem gewissen Respekt gegenüber treten musste. Danke für diese wunderbaren Stunden.
    Siegfried

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