Serie: Menschen aus dem Mariazellerland – Hannes Girrer

Menschen, die im Mariazellerland leben und ihm ein „Gesicht“ geben.

Ein neues Interview mit einem prägenden Menschen aus dem Mariazellerland ist online. Viel Spaß beim Lesen. Solange es noch keine Veranstaltungen gibt, wird etwa alle 3-4 Wochen eine Persönlichkeit aus dem Mariazellerland hier im Blog vorgestellt.

Heute im Fokus – Hannes Girrer – leidenschaftlicher Brauhauswirt mit Liebe zu speziellem Bier, klarem Wasser und Mariazell, sowie Besitzer des kleinsten 4-Sterne-Betriebs Österreichs. Ein Familienmensch, der durch unkonventionelle Gasthausöffnungszeiten eine Vorreiterrolle einnahm, um Zeit für die Familie zu schaffen. Hannes Girrer ist bekannt für das konsequente Einhalten seiner Öffnungszeiten. Weiters ist Reisen, bevorzugt mit dem Motorrad, für Hannes Girrer ein Lebenselixier, auch um sich von außerhalb Input zu holen und um über den berühmten Tellerrand zu schauen.

Alle veröffentlichten MariazellerlandlerInnen kann man in Zukunft dann gesammelt im Archiv unter der Kategorie MariazellerlandlerInnen finden, oder man klickt unter dem Artikeltitel auf das Karteikarten-Icon „MariazellerlandlerInnen“.

Name: Hannes Girrer
Beruf: Brauhauswirt, der die Tourismusschule Klessheim (Salzburg) absolvierte.

Zuerst ein paar allgemeine Fragen, die ich jeder interviewten Persönlichkeit des Mariazellerlandes stelle bzw. stellen werde.

Hattest Du einen Lebenstraum?

Ja. Als Kind der frühen 1960er Jahre war Ende der 60er damals die Mondlandung brandaktuell. Und als Gastwirtskind habe ich auf die Frage „Was willst du werden?“ immer geantwortet Astronaut oder Wirt. Das mit dem Astronauten wurde nichts, also bin ich Gastwirt.

Ich bin mit totaler Begeisterung in Mariazell zur Schule gegangen. Die Hauptschulzeit war eine der schönsten Zeiten in meiner Jugend, und dann wollte ich unbedingt eine fundierte Tourismusausbildung machen.

Ich hatte das Glück, dass mich meine Eltern in eine der besten Tourismusschulen Österreichs schicken konnten, das war Schloss Klessheim in Salzburg. Begonnen haben wir dort mit zwei Klassen und 78 Schülern und nach 5 Jahren haben davon 16 maturiert. Da wurde sauber ausgesiebt.

Dann ging es zum Bundesheer, danach standen ein paar Wanderjahre am Programm (Arlberg, Zürs, Kitzbühel, Stadt Salzburg). Dann kam mir zu Ohren, dass in Mariazell ein Mitarbeiter im Tourismus gesucht wurde. Das Leben aus dem Koffer war nicht mehr so spaßig wie zu Beginn, und nach meiner Bewerbung wurde ich Mitarbeiter des damaligen Fremdenverkehrsvereins (Oktober 1983). Dieser war untergebracht in der heutigen Magnusklause. Links war Blumen Lindlbauer und rechts rein das Fremdenverkehrsbüro. 1984 wurde dann der Tourismusverband Mariazellerland mit Obmann Matthias Pirker gegründet, und ich war Geschäftsführer. Damals haben wir dann doch mit wenig Geld sehr viele Dinge bewegen können. Freies Arbeiten und die Möglichkeit, vieles von Matthias Pirker zu lernen, der damals gerade richtig Gas gab mit seinen Lebkuchen, war ein großer Vorteil für mich. Eine anstrengende, aber unheimlich tolle Zeit. Am 1.1.1990 übernahm ich den Betrieb von meinen Eltern, da mein Vater in Pension gegangen ist.

Ich bin unheimlich stolz drauf, direkt in Mariazell, in unserem Gasthaus geboren geworden zu sein und lebe meinen Lebenstraum. Ich kann in dem Haus, wo ich auf die Welt gekommen bin, arbeiten. Das ist direkt schon kitschig…

Was gefällt dir am Mariazellerland?

Ein Satz grundsätzlich – das Mariazellerland geht für mich mindestens vom Annaberg übern Ötscher bis zum Seeberg. Für mich sind die Ötschergräben ein landschaftliches Highlight, die Himmelstreppe gehört dazu, da dies unheimlich gut gemacht wird. Was mich fasziniert am Mariazellerland, ist einfach die vielseitige und kleine Struktur. Wenn du in Mariazell einen Zirkel setzt, und du machst einen Kreis, gibt es wenig Regionen, wo man innerhalb eines 20- Kilometer-Radius so viele verschiedene Dinge machen kann. Wir haben nicht DAS Skigebiet, DEN See, wir haben von allem etwas. Es wird auch immer wieder kritisiert, wir hätten von allem zu wenig. Stimmt nicht, es ist von allem etwas da. Bitte, bitte nicht alles nachmachen, was andere eh schon haben.

Was unsere Gäste schätzen, ein Großteil meiner Gäste: sie packen das Rucksackerl und sehen den ganzen Tag niemanden. Man muss der Typ dazu sein, aber die Möglichkeit besteht im Mariazellerland noch.

Ich bin ein Fan von alten geschichtsträchtigen Häusern/Gebäuden. Es gibt sehr wenige Tourismusorte, je weiter du nach Westen kommst, desto weniger gibt es das, wo es so schöne alte Häuser gibt wie in Mariazell. Das sprechen auch die Gäste oft an.

Was mir noch gefällt ist, dass es viele engagierte Kleinunternehmer gibt – „Die reißen sich den Haxen aus“ – anders kannst wahrscheinlich bei uns eh schwer überleben, aber die tun einfach. Das gefällt mir und das macht Spaß.

Was mir auch gefällt, absolutes Streitthema „Mir gefällt das Gewusel am Hauptplatz“. In Wahrheit, ich kenne es von meinen Reisen, man geht genau dort hin, wo die Menschen sind, dort wo es brummt. Man sagt ja auch, man geht dort hin, wo die Musi spielt. Man möchte dort sein, wo sich etwas abspielt, und wenn wer einmal hupt oder blärrt, dann lass ihn hupen oder blärrn, aber dies ist eine Atmosphäre, die du im Urlaub aufsaugst. Du bist in einer anderen Welt, und dann heißt es „bist du deppert, do wor wos los“. Ich finde es gut, das ist meine persönliche Meinung, weil ich selber so reagiere, wenn ich auf Urlaub bin.

Was gefällt dir nicht im Mariazellerland?

Es werden so viele Dinge kritisiert, die es nicht gibt, die aber, wenn man vernünftig überlegt, wirtschaftlich nicht zu führen sind, da wir die Frequenz, die Einwohnerzahl nicht haben. Es nutzt nichts, Dingen hinterher zu jammern. „Eine Tourismusschule wäre schön, ein Hallenbad wäre schön“, ich würde es nicht aufzählen, dass es fehlt in Mariazell, weil ich einfach von der Logik her sagen muss, kann es nicht geben, dazu sind wir zu klein.

Was mir nicht gefällt, sind Geschichten wie „Wenn von außen einer kommt, das ist immer der Beste, der hat immer recht“. Wenn von außen einer kommt, der kann machen, tun und bauen, bis hin zum Europeum. Dies war für mich ein Grund, aus dem Vorstand des TVB auszutreten, weil ich diese Idee nicht mittragen konnte. Leider hatte ich recht. Es stört mich, wenn irgendwer daher kommt, mit irgendeiner Idee und dieser wird sofort Gehör geschenkt, und der Andere, der schon immer da war, der ist der Suderer, den sind wir schon gewohnt. Das stört mich hier bei uns, ist aber womöglich anderswo ebenso, das kann ich nicht beurteilen.

Und es werden oft Geschichten relativ flott und ungefragt bzw. unsensibel durchgezogen. Ein absolutes Reizwort für mich ist, wenn es heißt, Berge gehören bespielt. „Da stellt es mir meine nicht vorhandenen Haare auf“. Zum Beispiel als Vergleich: weil wer anderer so und so viele Radstrecken hat, brauchen wir das… Dann stehen scheußliche Gebäude da, stehen verhundste Landschaftsteile da, es wird auf die Natur keine Rücksicht genommen, das gefällt mir im Mariazellerland wirklich nicht.

Was fehlt im Mariazellerland bzw. was sollte man verbessern?

Dies ist ein schwieriges Thema. Wir sind in verschiedenen Dingen auf einem guten Weg (Gesundheitsversorgung…). Was ich ganz toll finde, ist die Himmelstreppe jetzt.

Verbessern sollte man, von meinem Verständnis her, viele kleine Dinge und nicht irgendeine große Geschichte. Verbessern von jedem Einzelnen bzw. von jedem Betrieb in seinem persönlichen Bereich. Wenn jeder Betrieb schaut, dass seine Gäste/Kunden zufrieden sind, was wir ja großteils im Mariazellerland haben, aber bei weitem nicht überall. Man muss den Gast/Kunden voller nehmen, mehr auf ihn eingehen. Es gibt leider Betriebe, wo noch immer die Mentalität „Schau ma, dass er möglichst viel zahlt und schnell wieder draußen ist“ vorherrscht. Eine schlechte Erfahrung des Gastes wird mit Mariazell in Verbindung gebracht, und Betriebe, die sich bemühen, werden damit in denselben Topf geworfen.

Was sind die schönsten Plätze im Mariazellerland?

Dies ist ein ganz heikles Thema. Das mit den schönsten Plätzen ist immer eine gefährliche Geschichte. Das sind dann die Dinge, die in irgendeiner Zeitung vierfärbig-doppelseitig drinnen stehen – Geheimtipp. Die Menschen suchen diesen Geheimtipp auf und denken sich, so viele Leute.

Ich lebe vom Tourismus, und man sollte den Gästen viel zeigen, aber ich würde dies gar nicht auf einzelne Punkte fixieren. Jeder Tipp ist auch nicht für jede Zielgruppe gleich schön. Jemand sucht Aktion, dann wird der Hubertussee nicht passen. Jemand sucht Ruhe, dann wäre Mountaincart auf der Gemeindealpe der falsche Tipp. Die schönsten Plätze sind situations- und wetterabhängig. Die schönsten Momente sollte man selber finden, und man muss auch den Mut haben, dies zu tun. Frage einen Städter, wann er das letzte Mal bei Regen durch den Wald gegangen ist… Man muss den Moment zulassen, und der schönste Platz ergibt sich aus dem Moment. 1000 Schneerosen auf der Bürgeralpe zu sehen, ist in dem Moment hundertmal schöner als im selben Moment am Herrenboden zu sein. Ich möchte mich auf keinen Punkt fixieren, weil zu jeder Jahreszeit und in jeder Situation ein anderer Platz der schönste Platz sein kann. Dies ist meine persönliche Meinung.

Was sollte man im Mariazellerland unbedingt sehen bzw. machen?

Was mich wirklich fasziniert, sind die Ötschergräben und der Stausee. Weiters würde ich die sanfteren Geschichten wie Walstern, Fadental, Josefsberg, Joachimsberg empfehlen. Dies hat einen ganz eigenen Reiz. Abgesehen von den Klassikern im Sommer, gibt es nichts Schöneres, als über eine Alm zu gehen.

Was liegt dir besonders am Herzen?

Für mich wäre es schön, man könnte Geschäfte/Betriebe in Mariazell im Familienbereich weiterführen bzw. erhalten. Der Weg geht gerade in die Richtung, dass man das pflegt, was man Jahrzehnte belächelt hat. Dass man dieses Retro, weiß jetzt nicht, ob dies ein böses Wort ist oder nicht, aber bewahrt und pflegt, erneuert, was zu erneuern ist, und die Jugend im Bewusstsein stärkt, dass das, was früher war, auch gut sein kann. Dass es nicht unbedingt zu einem Ausverkauf kommt. Zum Teil ist es ja wirtschaftlich notwendig, dass Verschiedenes verkauft wird, aber dass man nicht alles aus der Hand gibt.

Nachfolgende Fragen werden an die jeweilige Person angepasst und sind fast immer anders.

Hast du eine touristische Vision?

Meine touristische Vision wäre eine Einteilung nicht nach politischen Regionen, sondern einfach nach natürlichen Gegebenheiten. Wenn man auf die Karte schaut, sieht man, dass Mariazell eigentlich ein Zentrum für ein großflächiges Naturparkgebiet wäre. Wir haben den Naturpark Ötscher-Tormäuer im Norden, im Westen den Naturpark Gesäuse und im Osten den Naturpark Mürzer Oberland und angrenzend auch das Wildnisgebiet Dürrenstein. In der Mitte drinnen liegt Mariazell mit „im Grunde nichts“. Wenn dies gelingen würde, dass man hier ein riesiges Gebiet als Naturpark im Zentrum von Österreich schaffen würde und Mariazell als Mitte bzw. Zentrale für diese Geschichte gewinnen könnte, wäre dies meine langfristige Vision für einen nachhaltigen Tourismus, auf den wir in den nächsten Jahrzehnten aufbauen könnten.

Du bist ein Gastwirt mit sehr hohem Qualitätsanspruch. Die Liste der Auszeichnungen in deiner Brauhauschronik ist lang. Wie schaffst du es, diese Qualität beständig zu liefern und zu erhalten?

Es hört sich jetzt sehr einfach an, aber es gibt ein relativ einfaches Rezept. Wenn du selber gerne Gast bist, wenn du es selber gerne schön hast, sauber hast, gerne gut hast, gerne freundlich hast. Und im Endeffekt brauchst du nur umsetzen, was du gerne hättest, wenn du selber woanders hinkommst. Dies ist im Grunde eine einfache Lösung, hört sich einfacher an als es ist. Man muss dranbleiben, benötigt einen gewissen Weitblick und löst auch immer wieder Unverständnis aus.

Zum Beispiel, wir haben seit 30 Jahren kleine Portionen. Die hat es weit und breit damals noch nicht gegeben. Ziel war es, den kompletten Genuss von der Vorspeise, über die Suppe bis zur Hauptspeise und dem Dessert zu ermöglichen. Es hat lange gedauert, dies zu vermitteln.

Wir waren jahrelang bioteilzertifiziert als einziger Betrieb in Mariazell. Wir sind jetzt beim neuen Netzwerk Kulinarium dabei. Da wird man überprüft, und es gibt Aufnahmekriterien, die zu erfüllen sind. Wenn man sich dies antut, dann wird der Qualitätsanspruch von außen überprüft. Man kann sich selber eine gewisse Latte legen, aber in Wahrheit ist immer der, der von außen kommt und dies überprüft, das Maß aller Dinge. Speziell in meinen Anfangsjahren habe ich mir immer wieder Tester bestellt, von professionellen Firmen, von Gastronomievereinigungen, von der Kammer, wo die Möglichkeit bestanden hat, unseren Betrieb anonym testen zu lassen. Das habe ich in Anspruch genommen und wahnsinnig viel gelernt daraus.

Welche Biersorte, aus den Sorten, die du seit 1996 braust, trinkst du am liebsten?

Das ist Tageszeit abhängig. Ich will jetzt nicht ausweichen, aber wenn ich richtig Durst habe, dann trinke ich ein, zwei Krügerl vom hellen, das so richtig zischt, dann ist dies unheimlich gut.

Normalerweise bin ich ein Fan vom Festbier, vom halbdunklen, weil dies eine gute Mitte ist.

Und am Abend zum Genuss darf es ruhig was Geschmackigeres sein, wie das Altbier. Es hängt auch davon ab, was man dazu isst. Dies ist genauso wie beim Wein. Es gibt Biersorten zum Essen und Biersorten zum Trinken.

Gibt es eine Leidenschaft außerhalb deines beruflichen Umfelds?

Eine Leidenschaft für mich ist Reisen, die Welt entdecken. Das geht soweit, dass ich stundenlang vorm Computer sitze, bei Googlemaps, Googleearth, oder wenn ich auf Facebook etwas sehe und dann irgendwo in irgendeinem kleinen Nest in z. B. Marokko den Namen von einem Restaurant eingebe, klicke ich drauf und schaue mir die Bilder an von diesem Lokal, und „wenn es noch so a grindige Imbissbude ist“, das ist einfach lustig. Die Welt erforsche ich gerne.

Welche Tour möchtest du unbedingt noch machen?

Unbedingt möchte ich noch die Pyrenäen und die französischen Seealpen machen. Dies sind aber Touren, die nur im Sommer möglich sind, und die habe ich noch nie gemacht. Wenn ich die Möglichkeit hätte, was ich wieder machen würde, Neuseeland. Das war einfach ein Traum. Es ist immer ein Abenteuer, im Ausland Motorrad zu fahren.

Wenn man bei dir zu Gast ist, sieht man alte Bilder, Gegenstände aus vergangenen Zeiten, der Charme des alten Bürgerhauses wurde bewahrt. Wie wichtig ist dir Tradition?

Tradition ist mir sehr wichtig im richtigen Sinn. Das Problem beim Wort „Tradition“ ist, in 50% der Fälle wird überall dort, wo man nichts gemacht hat, einfach gesagt, dies ist ein traditionelles Haus.

Für mich ist unheimlich wichtig, dass man Tradition in die neue Zeit herüber bringt. Beispiel: Ok, ich habe ein altes Bild, aber dies setze ich so in Szene, da leuchtet ein LED-Lamperl hin und nicht irgendeine verstaubte Wirtshauslampe mit Schweinslederhaut drauf. Wird auch zum Teil als Tradition verstanden. Wir haben einen unheimlichen Fundus an alten Dingen, welcher schon seit Generationen im Haus ist. Und dies wird Gott sei Dank auch von den Gästen wieder mehr geschätzt. Es gab einige Jahre, da haben die Leute gesagt „Mein Gott, da sitzen wir inmitten von dem alten Klumpert“. Mittlerweile ist es so, dass auch jüngere Leute sagen „Das sind schöne alte Dinge“. Das Bewusstsein ist gestiegen, es wird jetzt wieder als charmant wahrgenommen.

Die Gaststube stammt noch immer von meinem Großvater aus 1937 – er war Tischler, darum hängt auch dieses Bild hier. Ich bin deswegen sehr heikel mit dem Begriff Tradition. Diese Einrichtung, zu der ich viel Bezug habe, ist für mich Tradition. Mir tut das Herz weh, wenn es heißt, ein Tiroler Wirtshaus im traditionellen Stil, und du weißt genau, das ist eine funierte Zirbenholzstube, oder aus einem alten Gebäude etwas rausgerissen und reingebaut, das ist nicht gewachsen. Auf diesen Unterschied lege ich wert. Nachgeahmt oder nachgebaut und als echte Tradition verkauft, das tut mir weh. Dies ist Piefke-Saga-mäßig. Echte Tradition ist ehrlich gewachsen.

Du bist „berühmt“ für dein konsequentes Einhalten der Öffnungszeiten. Wie kommt es dazu?

Ich bin grundsätzlich ein sehr konsequenter Typ, der genau überlegt, und weiß was er will. Als ich das Wirtshaus übernommen habe, waren meine Kinder noch klein, und ich wollte, dass die Kinder Zeit mit ihrem Papa verbringen können. Für mich war klar, ich schaue mir wertfrei an, welcher Abend in der Woche relativ wenig besucht ist. Herausgestellt hat sich der Sonntagabend. Darum sperre ich am Sonntag um 14 Uhr zu, um Zeit mit der Familie verbringen zu können.

Das war damals in Mariazell ein ziemlicher Aufruhr. „Der Junge hat es nicht mehr notwendig, dass er am Sonntag am Abend offen hat“. Die paar wenigen Stammgäste, die am Abend da waren, waren bitterböse. Heute ist es schon so, dass man offene Gaststätten am Sonntagabend in Mariazell suchen muss. Damals bin ich von Kollegen sehr kritisiert worden. Ein weiterer Punkt war wieder die Qualität. Wenn ich Qualität bieten will, dann möchte ich zu Öffnungszeiten mit voller Besetzung arbeiten. Und deswegen haben wir strikte Öffnungszeiten und unsere Mitarbeiter haben Planungssicherheit.

Du warst früher selber im Tourismus tätig. Was sagst Du zu den aktuellen Entwicklungen?

Die aktuellen Entwicklungen finde ich absolut negativ (Zusammenschluss der Tourismusverbände). Es ist dies für mich ein Schnellschuss einer Tourismuslandesrätin, die anscheinend mit Tourismus nicht wirklich etwas am Hut hat. Es ist ein mutwilliges Zerstören jahrzehntelang gewachsener Strukturen. Aus meiner Sicht musst du kleine Strukturen im Ort stärken, du musst dort, wo Tourismus stattfindet, Angebote entwickeln und dann einer Werbeagentur, einem Politiker geben, und dieser soll dir diese Angebote verkaufen. Aber es wird gerade umgekehrt gemacht. Sie zerstören vor Ort die Plätze, die die Angebote erstellen sollten. Die sitzen dann irgendwo kilometerweit weg, haben einen Grafiker und Marketingverantwortlichen und schreien dann „Wir müssen alle unsere Schnitzel grün panieren“. Diese von oben diktierten Geschichten passen nicht. Dort, wo der Tourismus stattfindet, muss dies gemacht werden. Wobei aber auch in vielen Tourismusregionen der Fehler gemacht wird, keine Angebote zu produzieren. Für das Mariazellerland, welches Angebote produziert, ist dies ein großes Problem, dass dies zerstört wird, abgesehen von der geografischen Diskrepanz. Dies passt gar nicht zusammen. Wenn die das wollen, sollen sie eine übergeordnete Werbestruktur machen, aber das andere gleich lassen. Das Problem ist, es wird neue Logos, neue Schriftzüge geben, tonnenweise bestehendes Papier weggeworfen und in 5 oder 10 Jahren, wenn der nächste Landesrat(in) kommt, haben wir ev. wieder das gleiche Spiel.

Wir müssen schauen, dass wir den Wiedererkennungswert von Mariazell, die Marke Mariazellerland, nicht verlieren. Wenn es so kommt, wie es geplant ist, müssen wir auf regionaler Ebene etwas aufziehen.

Wie wird die Welt aus deiner Sicht nach Corona sein?

Ich hoffe, dass wir vom Billigflugtourismus, Massentourismus, Kreuzfahrttourismus, diesen Wahnsinnsgeschichten wegkommen. Ich hoffe, das funktioniert. Was für uns als Mariazeller wichtig ist, denke ich mir, ist, dass es in der Zeit, wo man nicht wegfahren durfte, das Bewusstsein gestärkt hat, wie schön es eigentlich daheim ist. Wir haben im letzten Sommer Gäste aus Westösterreich gehabt, die meinten, wir haben nicht über den Brenner dürfen, also sind wir in den Osten gefahren.

„Guad wars, weil wir haben nicht gewusst, wie schön es hier ist“. Und dass wir hier langfristig Kapital haben und man nachdenkt, ob man nicht mehr in Richtung Umweltbewusstsein und Regionalität geht. Wo kommt etwas her, wo wird etwas produziert, und man grundsätzlich das Warten wieder etwas lernt. Früher, wenn der Gast reinkommt, und er sitzt noch nicht einmal und bereits „Fräulein, Fräulein, Fräulein“ ruft, man um ein kleines Momental bittet, und aus seinem Munde bereits „die Speiskartn“ ertönt. Jeder zehnte war nicht auf Urlaub, sondern auf der Flucht.

Und jetzt nutzt Ungeduld nichts, Abstand halten, warten bis etwas frei wird, warten, bis dies und das bereit ist. Ich glaube, die Leute haben gelernt, wieder etwas mehr Geduld zu haben. Dies ist meine leise Hoffnung. Und man schätzt offene Gasthäuser wieder mehr.

Ein kleines Tonfile des Interviews, damit man auch die Stimme von Hannes wieder einmal hören kann (lieben Gruß an Friedrich Hoffmann).

Link:
Brauhaus Girrer


2 Kommentare bei “Serie: Menschen aus dem Mariazellerland – Hannes Girrer

  • 8. März 2021 um 08:29
    Permalink

    Das liest man gerne – Bravo Hannes Girrer!
    Absolut richtige Überlegungen zum Thema Tourismus!

  • 9. März 2021 um 09:36
    Permalink

    Lieber Herr Girrer!

    Ich danke Ihnen für dieses Interview.
    Sie sprechen so viel Wahres aus.

    Gerhard Buchebner

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